sun-of-life
  Enya Deirdre
 

 Enya Deirdre

C'est dans 10 ans je m'en irai

(In 10 Jahren, da werde ich gehen)

j'entends le loup le renard chanter,

(Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

J'entends le loup le renard et la belette

(Ich lausche dem Wolf, dem Fuchs, dem Wiesel )

J'entends le loup et le renard chanter.

(Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 

1998 :

 

 

Wie könnte ich ihn nur jemals vergessen? Diesen Anblick? Nebel kroch über den Boden und verwischte die grünen, dunklen Farben mit den Schatten der Bäume. Nichts als Stille lag über allem, die Tiere und der Wind hielten den Atem an, so malte ich es mir früher immer aus. Feine Strahlen der goldenen Sonne durchdrangen noch schwach das dichte Blätterwerk, vertrieben langsam den Nebel und das grau der Dämmerung- eine Zeit, in der die Welt unwirklich und fremd auf jeden wirkt, der sich hinaus aus seinem Bett wagte. Die Herren der Nacht waren bereits zurückgekehrt in ihre Höhlen, doch auch die Wächter des Tages versteckten sich noch immer in stiller Erwartung auf den neuen Tag. Golden schimmerte der Nebel, das Holz knackte im Takt unserer Schritte, der Wald sang mit uns und um uns herum ein geheimnisvolles, stummes Lied. Und wir rannten ihm entgegen, den Strahlen, die wie die Arme einer Mutter sich über das Land legten und für Sekunden alles in helle Flammen hüllten, der Wärme, die in ihrer Berührung lag und in einem ewigen Kreislauf alles Leben erblühen lässt und auch der schönsten Erinnerung, die sich auf ewig in meine Erinnerungen einbrennen sollte- dem Sonnenaufgang

 




 

„Spürst du die Magie der Natur? Sie flüstert, sie spricht, sie lacht und weint. Du musst nur sorgfältig lauschen…“, wisperte mein Vater. Seine Stimme war wie ein sanfter Windhauch, doch schwang die Wärme darin mit, die mich immer ergriff. Ich wusste, zu dieser Stimme konnte ich gehen, dieser Stimme konnte ich folgen. Er spürte und sah und dank ihm tat ich es auch. Meine Mutter in Ehren, auch sie liebte ich, wie ein Kind von Geburt an jene Frau liebte, die es zur Welt trug. Doch meine Beziehung mit ihm war etwas Einzigartiges. Von niemanden sonst lernte ich so viele Dinge, für den Betrachter vielleicht unwichtig und nichtig. Er zeigte mir die Schönheit des Sonnenaufgangs, erklärte mir, warum der Hase solch lange Ohren hatten, oder der Ort, an dem die schönsten, saftigsten Beeren wuchsen. Vater hatte eine so einzigartige Art auf die Welt zu blicken, dass viele ihn hinter seinem Rücken belächelten. Doch ich bewunderte ihn. Und obwohl es so lange her ist, dass ich zum letzten Mal seine liebevolle Stimme eines Träumers hörte, so erinnere ich mich noch an jeden einzelnen Moment. Er machte mich zu dem, was ich bin, mehr, als es ein anderer dieser oberflächlichen, fantasielosen Erwachsenen  je vermochte.

 

C'est dans 9 ans je m'en irai

(In 9 Jahren, da werde ich gehen)

 La jument de Michao a passée dans le pré

(Michaos Stute läuft über´s Feld)

 La jument de michao et son petit poulain

 (Michaos Stute und ihr kleines Fohlen)

 A passé dans le pré et a mangé tout le foin.

(Sie laufen durch die Weide und fressen alles Heu)

 

 

 

1999:

 

Der helle, bleiche Vollmond tauchte die Welt in ein kaltes, magisches Licht. Leise raschelten die großen Bäume im Takt des Windes und sangen, zusammen im Chor, der Welt ein chaotisches, leises Schlaflied. Trotz der Stille und der drückenden Wärme der Sommernacht war reges Leben in dem Wald, kleine Wesen mit pochenden Herzen huschten durch das Unterholz oder versteckten sich in den hohen, dunklen Baumkronen. Leise knackte das Unterholz, als zwei Wesen auf eine der unberührten Lichtungen des Waldes traten. Die beiden Tiere, zwei Wölfe, schritten mit einer animalischen Eleganz über den von der Tagessonne noch warmen Boden bis in die Mitte. Der große Wolf hatte schimmerndes, weißes Fell, das von hellbraunen Flecken durchzogen war. Seine goldenen Augen richteten sich sehnsüchtig gen Himmel, dann wandte sich sein intelligenter Blick zu dem sehr viel kleineren Welpen an seiner Seite. Das Junge schaute mit großen, hellen Augen in die Welt und sein mit den unterschiedlichsten Brauntönen durchzogenes Fell passte sich an die dunkleren Schatten der Bäume perfekt an. Die Kleine zuckte aufgeregt mit dem Schweif und ihr Blick folgte einem kleinen, leuchtenden Insekt, das hin und her schwebte und ein kleines, helles Licht verbreitete. Urplötzlich verfiel der kleine Wolf in Kauerstellung und sprang dann fröhlich jaulend in die Luft. Doch alles schnappen und springen nutzte nichts, das kleine Tier war zu schnell und wendig und war schon Sekunden später in den tiefen Wald entschwunden. Der weiße Wolf stupste den kleinen kurz liebevoll mit der Schnauze an. Er richtete sich auf und schloss die Augen. Sein Körper verformte sich, die Gliedmaßen wurden länger, der Körper schmaler, schmächtiger und aufrecht. Das helle Fell verschwand und schien sich in die Haut zurück zu ziehen. Wo vor nur ein paar Sekunden zwei Wölfe standen, lagen sich nun Vater und Tochter im Arm.

 

 


 

 

C'est dans 8 ans je m'en irai

(In 8 Jahren, da werde ich gehen)

 L'hiver viendra les gars,

(Der Winter, er kommt, Leute)

 L'hiver viendra:

(Der Winter, er kommt)

 La jument de michao,elle s'en repentira.

(und Michaos  Stute wird´s bereun)

 

 

 

 

Der Mond war weiter gezogen und schon begann er langsam zu verblassen um der Dämmerung Platz zu machen. Die beiden menschlichen Gestalten saßen nebeneinander im hohen Gras und schauten stumm aneinander gelehnt hoch zum Himmel. Das Mädchen war nicht älter als 7, ihre Haare waren von demselben haselnussfarbenen Ton, wie die des Mannes neben ihr. Er war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, beide hatten dieselben hohen Augenbrauen, dasselbe schmale Kinn und die gleichen runden, hohen Wangenknochen. Wo in dem Gesicht des Vaters die harten, kantigen Züge eines erwachsenen Mannes prangten, war das Gesicht der Tochter weich und rund. Ihre Augen leuchteten in einem lebhaften grau-grün. Das war das einzige Merkmal, das bei dem Kind wohl von der Mutter beigesteuert wurde, denn aus dem Gesicht des Vaters schauten ruhige, braune Augen. Aufgeregt schaute die Kleine zum Himmel, an dem die hellen Sterne langsam verblassten. Ihre Arme waren von gesunder, heller Bräune, die Hände zierlich und weich. Sie war recht klein für ihr Alter und würde es sicherlich auch immer bleiben. In beiden konnte man die Träumer erkennen, die sie waren, mit dem Kopf in den Wolken und dem Herz weit weg von der Vernunft, die sich Mensch nannte.

„Papa?“, fragte die Kleine mit rauer, für ihr Alter ungewöhnlich melodischen Stimme und deutete noch einmal aufgeregt mit dem Finger zum Himmel hinauf ,“Wieso leuchten die Sterne so hell?“, der junge Mann neben ihr lachte leise und zog sie dann in seinen Schoß. Er begann zu erzählen und wie jedes Mal war das Mädchen gefangen von seinen Worten, vom ersten Augenblick an.

 

„Nun, meine kleine Enya, vor langer Zeit einmal gab es keinen einzigen Stern am Himmel. Das war die Zeit in der die Sonne und der Mond, wenn sie sich am Abend kurz am Himmel trafen, immer einen kleinen Plausch hielten. Die Sonne erzählte dann dem Mond immer von den vielen Wundern auf dieser Welt und den Dingen, die sie selbst während des Tages beobachtete. Der Mond liebte diese Geschichten, von den Tieren und den Menschen und den Pflanzen. Doch auch beneidete er die Sonne für diese Erlebnisse. Des Nachts, wenn er über den Himmel und die Dunkelheit wachte, da war er immer ganz allein. Alle Tiere versteckten sich, die Pflanzen schliefen tief und auch die Menschen zogen sich immer wieder zu dieser Zeit zurück. Der Mond allein blieb übrig, in der dunklen Welt und war schrecklich einsam. Jede Nacht, wenn er die lustigen Erzählungen der Sonne noch in sich nachklingen ließ, wurde er immer trauriger und einsamer. Nacht, für Nacht.“

 

 

 
 

 

Enya riss die Augen weit auf, ihre Hände zitterten in der Erwartung auf die Fortsetzung der Geschichte. Völlig gebannt von der Vorstellung des Mondes und der Sonne hauchte sie leise: “Und… was machte der Mond dann?“

„Er weinte. Er weinte bitterlich, viele Tränen! Doch umso erstaunter war er, als er sah, wie seine Tränen zu schimmern und zu strahlen begannen! Sie verteilten sich als Sterne über das ganze Himmelzelt, leuchteten, lachten, sangen und der Mond war nicht mehr allein. Nie wieder.“, er lächelte Enya liebevoll an und stupste mit dem Zeigefinger gegen ihre kleine Stupsnase. „Wirklich? Das ist ja… unglaublich!“, mit weit aufgerissenen Augen schaute sie zum Himmel, dann hob sie andächtig einen Arm und winkte dem Mond fröhlich zu. „Keine Angst Mond, du bist nicht mehr allein! Wenn du willst, erzähle ich dir jeden Abend eine Geschichte, bevor ich ins Bett gehen muss! Papa kennt ganz viele und wenn er sie mir erzählt, dann kann ich sie dir erzählen, nicht war Paps?“, strahlend wandte sie sich ihrem Vater zu, der inzwischen aufgestanden war. Er klopfte sich ein wenig Erde von der Hose, dann lachte er amüsiert auf und wuschelte der Kleinen durch die dunklen Haare. „Aber nur, wenn du  mir verspricht schnell mitzukommen. Wenn Mama aufwacht und sieht, dass wir nicht im Lager sind, wird sie sehr wütend.“ Enya wurde schlagartig missmutig. Enttäuscht schlürfte sie zu ihm. „Aber ich will noch ein bisschen hier bleiben. Ist doch egal, was Mama sagt. Bei ihr darf ich fast gar nichts! Immer kontrolliert sie mich.“, trotzig verschränkte die Braunhaarige die Hände vor der Brust. Der Mann seufzte leise. Seine Tochter war zwar leichtgläubig, aber auch ehrlich und sprach aus was sie dachte. Entschlossen kniete er sich vor sie ins Gras und strich behutsam eine Strähne aus ihrem Gesicht. Dann hob er sanft ihren Kopf an, sodass sie in seine sanften, aber ernsten Augen sehen konnte. „Meine Kleine. Dir wird sicherlich noch vieles in deinem Leben passieren. Aber vergiss eines niemals. Niemand hat dich gefragt ob du leben willst, also hat auch niemand das Recht zu bestimmen, wie du Leben sollst.“ In dieser Nacht kehrten beide in stiller Übereinkunft zum Lager zurück.

 

 

C'est dans 7 ans je m'en irai

(In 7 Jahren, da werde ich gehen)

 J'entends le loup et le renard chanter

(Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 J'entends le loup, le renard et la belette

(Ich lausche dem Wolf, dem Fuchs, dem Wiesel)

 j'entends le loup et le renard chanter.

(Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 

 

 

 

 

 

2004 :

 

Ich konnte schon immer meinen Blick nicht von ihr nehmen. Nicht weil ich sie süß fand… oder Gefühle für sie hegte, nein! Also…  es lag eher an ihrer Art. Wie sie in die Ferne sah. Wie sie, mitten in einem Gespräch plötzlich gedanklich abglitt, ihr Blick verschwamm und ein geheimnisvolles Lächeln auf ihren Lippen erschien. Wie immer dachte ich dann, sie würde alles um sich herum vergessen. Wie immer musste ich lächeln und versuchte sie anzutippen um sie wieder in die Realität zurückzuholen. Und wie immer fiel ich darauf herein. Bevor ich meinen Plan ausführen konnte drehte sie blitzschnell den Kopf und grinste mich süffisant an. Zu meinem Ärger spürte ich die Röte auf meinen brennenden Wangen. Sie lachte laut und krümmte sich nach Luft schnappend zusammen. Ihre Beine wackelten fröhlich hin und her, über der Klippe, an deren Rand wir saßen. Der Ausblick war atemberaubend. Irland, in seiner mystischsten, edelsten Form breitete sich 100 Meter unter uns aus, bis hin zum hellen, nebelbehangenen Meer, dessen Rauschen bis zu uns hin ertönte. Wir waren Zigeuner, reisten schon seit Ewigkeiten durch die Länder Irlands. Enya behauptete immer wieder, dass Oma Cross sich mal verlaufen hatte und dass unsere große Gruppe deshalb durch diese Halbinsel irrte. Ein Lächeln bahnte sich auf meine Lippen, bis etwas mich jäh wieder in die Gegenwart holte. Enya knuffte mir scherzhaft gegen die Schulter, jedoch hatte sie ihre Kraft nicht ganz unter Kontrolle gehabt. Die Stelle pochte noch immer und meine Hand zuckte reflexartig zu der Stelle. „Autsch… sei mal ein bisschen vorsichtiger En…“, brummte ich missmutig. „Tschuldige.“, lachte sie und wirkte, als täte es ihr nicht im geringsten Leid. Ich konnte nicht anders. Als ich ihr Lachen hörte stimmte ich mit ein.

 

 

 

 

Eine ganze Weile lachten wir laut schallend zusammen, bis wir beide nach Luft schnappend zur Ruhe kamen. Sie seufzte leise und schaute zum Himmel. „°Niemand hat dich gefragt ob du leben willst, also hat auch niemand das Recht zu bestimmen, wie du Leben sollst°“, ihre Stimme hatte einen seltsamen Klang angenommen, der mich sofort hellhörig werden ließ. „Das hat er früher oft gesagt…“. Er. Erschrocken schaute ich sie an. Nicht dass ich mich wundern würde, dass sie von ihm sprach. Jeder wusste, dass die beiden eine einzigartige Beziehung zueinander gepflegt hatten. Doch seit ihr Vater vor einem Jahr ganz plötzlich verstarb, redete sie nur noch selten über ihn. Ich hasste es sie traurig zu sehen, deshalb sprach ich es nie an. Sie wandte mir den Kopf zu und lächelte, als hätte sie über das Mittagessen gesprochen. Sie tat als wäre sie stark, als würde sie das nicht berühren. Meine Augenbrauen zogen sich zweifelnd zusammen. Sie gab auf und schaute wieder zum Meer. „Mir ist kalt.“, sagte sie plötzlich leise. Das rief ein alarmierendes Gefühl in mir wach und scheinbar konnte man mir das auch ansehen. Mit einer theatralischen Geste rückte sie urplötzlich näher und schmiegte sich dicht an mich heran. In diesem Moment hatte ich wohl die fatale Ähnlichkeit mit einer Tomate. Enya prustete laut los. „Du solltest dich mal ansehen.“, sagte sie immer noch lachend und löste sich wieder von mir. Schmollend schaute ich an ihr vorbei. Trotzdem machte ich mir noch immer Sorgen. Sie schien meine Gedanken erraten zu haben, denn als ich ihrem verträumten Blick zum Himmel folgte, meinte sie: “Ich weiß, dass er irgendwo dort oben ist. Und dort schaut er auf mich herab und ist glücklich.“, dieses Mal war das Lächeln ehrlich. Leise seufzend stand ich auf. „Lass uns gehen.“ „Wieso? Hast du Angst, weil es bald dunkel wird, Keelan? Kee, du Angsthase!“, lachte sie und folgte mir. Ich konnte noch nie wirklich erraten, was in ihren Gedanken vor sich ging. Sie war so verträumt, so leichtgläubig, so weltfremd- ein kleines Wesen mit dem Herz auf der Zunge und gemischt mit Fantasie, Schlagfertigkeit, Ehrlichkeit und einer Stärke, die ich so an ihr bewunderte…

 

 

 

C’est dans 6 ans je m’en irai

(In 6 Jahren, da werde ich gehen)

 La jument de Michao a passée dans le pré

 (Michaos Stute läuft über´s Feld)

 La jument de Michao et son petit poulain

 (Michaos Stute und ihr kleines Fohlen)

 A passé dans le pré et mangé tout le foin

(Sie laufen durch die Weide und fressen alles Heu)

 

 

 

2006 :

 

 

Die Nacht war hereingebrochen. Das Lager war nur noch in das Licht des Lagerfeuers gehüllt, doch es herrschte reges betreiben. Alle Menschen, Kinder, Frauen und Männer waren in bunte Kleider gehüllt, die im Licht des hellen Vollmondes leuchteten und funkelten. Sie sangen, erzählten, lachten und die Erwachsenen tranken und beschwerten sich hin und wieder über den einen oder anderen Wirbelwind, wenn die Kinder beim Fangespielen zu nah kamen. Eine Gruppe tanzender Jugendlicher scharrte sich um das größte Feuer in der Mitte der Lichtung. Die bunten Zelte die überall herumstanden wurden in das helle Flackernde Licht eingehüllt. Sie alle bewegten sich zum Takt der schlagenden Trommeln, der Flöten, Lauten und dem weichen Klang einer kleinen Harfe. Die Klänge verschmolzen zu einem Lied, das das Bedürfnis weckte sich zu bewegen, um das Feuer zu tanzen und zu singen. Im Mittelpunkt der Jugendlichen war Enya. Ihr dunklen Haare wippten frei, peitschten um ihren schweißnassen Nacken, die nackten Füße traten und drehten sich im Takt zu der Musik, der Stoff ihre dünnen, bunten Kleides wehte und flackerte, das Tuch in ihren Händen glitt zärtlich an ihren Armen entlang, schwebte kurz durch die Luft, nur um im nächsten Schritt wieder mitgerissen zu werden. Sie tanzte schon seit stunden und genoss es. Ihre Stimme erklang glasklar zu dem Lied und trotz der Anstrengung, lag in ihr kein Zittern und kein Keuchen. Der Vollmond schenkte ihr Kraft. Sie war wie ein wildes Tier, das sich unter dem Mond elegant und doch temperamentvoll bewegte um der fesselnden Musik ihren Tribut zu geben. Sie lachte und genoss jede einzelne Sekunde davon. Unter der Gruppe an Feiernden, erspähte sie die hellen, kurzen Haare Keelans und bewegte sich sogleich, immer noch tanzend, auf ihn zu. Ohne auf seine Reaktion zu achten, zog sie ihn mit zu den anderen. Er schien ein paar Sekunden lang verwirrt zu sein du die altbekannte Röte stieg in sein Gesicht, doch das rote des Feuers Flackern verdeckte dieses Zeichen seiner Scham. „Du tanzt, als hättest du einen Stock im Hintern.“, rief sie lachend und er wirbelte sie mit gespielt beleidigter Miene herum. „Kann ja nicht jeder so großartig wie du sein.“, antwortete er und erhielt nur ein lautes glückliches Lachen zur Antwort.

 

 

 

Die Feier war beendet, die Musik verklungen und es war bereits nach Mitternacht. Das Feuer, das vor einer Stunde noch hoch und majestätisch gebrannt hatte, war nur noch ein kleiner, glimmender Haufen. Alle waren zu Bett gegangen, denn es war eine anstrengende Nacht gewesen. Naja, fast alle. Am Rande des Lagers, auf einem Fleckchen Erde, auf dem sich besonders hell das Licht des Mondes ergoss, saß Enya im Schneidersitz und in Gedanken versunken. Ihre Lippen bewegten sich nahezu tonlos, als würde sie mit sich selbst reden. Ihre Haare waren wieder zu einem Zopf geflochten. Und wie sie da saß, in Gedanken versunken und fröstelnd, bemerkte sie nicht, wie sich Keelan lautlos näherte. Eine ganze Weile stand er hinter ihr im Schatten, als versuchte er heraus zu finden, was seine Freundin tat. Er beugte sich ein Stück weit nach vorn um besser hören zu können, zertrat aber aus Versehen einen kleinen Ast. Das Krachen schien in dieser Stille wie ein Pistolenschuss. Überrascht schaute die Braunhaarige auf. „Wer ist da?“, fragte sie ärgerlich. Der Hellhaarige trat peinlich berührt aus seinem Versteck. „Ich bin´s… ähm… ich hab mich gefragt, warum du nicht im Bett bist.“, sagte er schwach und kratzte sich nervös am Hinterkopf. Enya erhob sich und strich ihr Kleid glatt, dann gesellte sie sich zu ihm. Wortlos hob sie eine Hand und deutete auf den Mond. Fragend schaute Kee von ihr zum Mond und wieder zurück. Sie seufzte entnervt, als wäre er ein begriffsstutziges Kind. „Ich erzähle dem Mond eine Geschichte, was sonst?“, erklärte sie. Dann hakte sie sich bei ihm unter. „Darf ich bei dir Schlafen?“, wenn Keelan sich Gedanken über die seltsame Bemerkung seiner Freundin gemacht hätte, dann waren sie jetzt vergessen. Wieder stieg die Schamesröte in sein Gesicht, doch bevor er anfangen konnte los zu stottern, unterbrach sie ihn galant. „Du weißt doch- mir ist nachts immer so kalt.“, es war zwar Sommer, aber dennoch wagte Keelan es nicht ihr zu wiedersprechen…

 

 

 

C'est dans 5 ans je m'en irai

(In 5 Jahren, da werde ich gehen)

L'hiver viendra les gars,

(Der Winter, er kommt, Leute)

L'hiver viendra :

(Der Winter, er kommt)

 La jument de michao,elle s'en repentira 

(und Michaos  Stute wird´s bereun)

 

 

2007 :

 

 

Die Tage zogen ins Land. Alles war normal, meine Mutter und ich stritten uns wie immer ein wenig, doch das lag wohl an meiner Sorglosigkeit und ihrer sogenannten Ernsthaftigkeit. Oft unterhielt ich mich mit Kee… oder ich lief einfach nur durch den Wald und genoss die Natur. Manchmal, des Nachts, lief ich auch als Wolf durch die Natur und dachte an sehnsüchtig an meinen Vater zurück. Das war die Zeit, in der mich oft Einsamkeit beschlich. Doch trotzdem war ich zu diesem Zeitpunkt glücklich und mit meinem Leben zufrieden. Ich hatte noch nie große Ansprüche und zum Ehrgeiz schlichtweg zu faul.  Das änderte sich aber schlagartig, denn meine Mutter fand einen neuen Mann. Ich war zutiefst enttäuscht von ihr, doch sie schien abweisender denn je zu sein, ja sie war kalt mir gegenüber und nur noch auf IHN fixiert. Nicht das mich die schiere Feindseligkeit, die sie mir nun entgegenbrachte, sonderlich störte, doch sie war noch immer meine Mutter. Ich vermisste die Zeit, in der sie mir abends die Haare geflochten hatte und mir ein Schlaflied sang. Doch nun drang ein Anderer in ihr Leben ein und es traf mich wie ein Schlag. Als wir uns einmal gegenüber standen, da spürte ich die schreckliche Kälte, die von ihm ausging. Ich hasste auf Anhieb alles an ihm, seine blasse Haut, die herrischen, stechenden Augen, die Stimme, die in meinen Ohren so abstoßend klang. Er war kalt, die Kälte in Person und wir waren uns von Anfang an feindlich gesinnt. Auch wenn ich es erst später erfuhr, so hatte meine Mutter einen der schlimmsten Feinde meiner Rasse angeschleppt. Einen Rouge, der wohl den Wunsch hatte einmal etwas Menschliches zu tun. Doch er traf prompt auf die Brut seiner verhassten Feinde. Das war das Ende meines ruhigen, beschaulichen Lebens.

 

 

 

 

C'est dans 4 ans je m'en irai

 (In 4 Jahren, da werde ich gehen)

 J'entends le loup et le renard chanter

 (Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 J'entends le loup le renard et la belette

 (Ich lausche dem Wolf, dem Fuchs, dem Wiesel

 J'entends le loup et le renard chanter

 (Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 

 

2008:

 

Die Diskussionen mit meiner Mutter wurden immer länger und heftiger. Ich machte mir keinen Hehl  aus der Verachtung, die ich ihm gegenüber spürte und dank meiner ehrlichen und unsensiblen Art sagte ich viele Dinge, die mir sofort in den Sinn kamen, jedoch zu dem Streit nicht unbedingt positiv beitrugen. Doch er schien sie zu kontrollieren. Sie gab mir die Schuld für alles. Wir entfernten uns immer weiter voneinander. In dieser Zeit gab mir Kee halt, aber vor allem auch die Natur. Sie war immer mein Freund gewesen und hatte mich auch nie verraten. Immer öfter verließ ich das Lager um als Wolf oder als Mensch weg von allem Trost zu finden und den Klängen der Bäume zu lauschen. Manchmal blieb ich nur ein paar Stunden weg, dann wieder drei oder sogar vier Tage. Natürlich machten sich alle, außer meiner Mutter und dessen Tyrann,  Sorgen um mich, doch ich überzeugte sie mich zu lassen… ich brauchte ihr Mitleid nicht, denn es ging mir nicht schlecht. Das redete ich mir jedenfalls ein.

 

Einmal hatten meine Mutter und ich einen besonders schlimmen Streit. Wir warfen uns Worte an den Kopf, die niemals hätten ausgesprochen werden sollen. In dem Moment, als sie mir die Ohrfeige gab, wusste ich, dass meine Mutter endgültig gestorben war. Irgendetwas Unerklärliches in mir begehrte auf und zwang mich dazu, wie immer, mich zurückzuziehen und als Wolf meine Sorgen von dem Wind wegwehen zu lassen, der beim rennen mein Fell streichelte. Hätte ich nur einmal die Aufmerksamkeit auf meine Umwelt gerichtet, so hätte ich gemerkt, wie der Rouge mir heimlich folgte.

 

 

C'est dans 3 ans je m'en irai

(In 3 Jahren, da werde ich gehen)

 La jument de Michao a passée dans le pré

 (Michaos Stute läuft über´s Feld)

 La jument de Michao et son petit poulain

 (Michaos Stute und ihr kleines Fohlen)

 A passé dans le pré et mangé tout le foin

(Sie laufen durch die Weide und fressen alles Heu)

 

 

 
 

Meine Pfoten trugen mich weit in den Wald hinein. Es war Nacht, doch der Mond war nicht am Himmel zu sehen. Schwer atmend blieb ich stehen, doch erst nach ein paar Augenblicken erkannte ich, voller Überraschung,  wo ich war- Mein Instinkt hatte mich zu dem Ort gebracht, an dem mein Vater mir zum ersten Mal die Geschichte des Mondes und der Sterne erzählte. Ein seltsamer Trost überkam mich, doch bevor ich nur etwas tun konnte, hatte meine feine Nase meinen Verfolger erspürt. Doch ich war vorbereitet. Ich verwandelte mich zurück, denn ich wollte ihm noch einmal ins Gesicht sagen, was für ein verachtungswürdiges Arschloch er war. Langsam und elegant drehte ich mich um die eigene Achse. Der Mond fiel hell auf mich herab und ließ meine Haut silbern schimmern. „Komm raus!“, rief ich und stemmte selbstsicher die Hände in die Hüfte. Mehr war nicht nötig, denn er folgte prompt meiner Aufforderung und glitt aus dem schwarzen Schatten der großen Bäume hervor. Einen Moment jagte mir sein Anblick einen Schauder über den Rücken, doch schnell hatte ich mich wieder gefangen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht wer oder was er war, doch mir war schon immer klar gewesen, dass er genauso wenig ein Mensch war wie ich. „Alessandro…“, ich ließ die Worte auf meiner Zunge zergehen und spürte die instinktive Wut in mir aufsteigen, wenn ich in seine unmenschlichen Züge schaute. Er sah anders aus, als am Tage. Sein Gesicht war seltsam verzerrt, die Augen glühten und seine Haut war so hell, das sie fast durchscheinend schimmerte. Alessandros Haltung, seine Mimik und Gestik, alles wirkte wie ein Raubtier auf Jagd. Und ich spürte bis zu mir die Kälte, die er ausstrahlte.

 

 
 

 

„Ich hege nicht den Wunsch mit dir zu kämpfen.“, antwortete er leise und zwang mich damit ein Stück näher zu kommen. Die Arroganz in seiner Stimme machte mich rasend. „Red mal ein bisschen deutlicher“ ,zischte ich. Doch er antwortete nicht. „ Ich will  dich ein für alle Mal aus dem Leben meiner Mutter zu entfernen. Ich habe es gespürt. Dieses Verlangen, dich auf der Stelle zu zerreißen. Und hier gibt es nichts, was das verhindern könnte.“, antwortete ich süffisant. Ein gefährliches Lächeln huschte über mein Gesicht und spiegelte sich in seinem wieder. „Wenn ich mich nicht entschieden hätte, dich am Leben zu lassen, dann würdest du nicht einmal dazu kommen, dich zu verwandeln, Hund!“, knurrte er und ballte spielerisch die rechte Hand. Dann hob er seinen Arm und deutete in die Richtung, aus der ich gekommen war. „Du weißt doch… deine Mutter hasst dich. Egal ob ich weg bin oder nicht. Du hast kein Heim wohin du zurückkehren kannst.“ Stille. Ich versuchte nicht zu zeigen, wie sehr er mich damit getroffen hatte. Ich musste zurück. Ich musste ihm beweisen, dass er Unrecht hatte. Ich kam näher, schritt um schritt, versucht meinen Zorn zu zügeln bis ich direkt vor ihm stand und hasste ihn innerlich noch mehr, da er so viel größer war als ich. Trotzdem legte ich meine gesamte Gehässigkeit in meine nächsten Worte. „Scheinbar hast du ja auch keine großen Ansprüche… oder bist du bereits so tief gesunken dass du als Schoßtier meiner Mutter deine kleinen, perversen Fantasien auslebst?“, ich spuckte ihm ins Gesicht, dann wandte sich mich weg.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass meine Pfoten jemals so schnell über den Waldboden geflogen waren. Mein Fell lag fest an meinem Körper an und die Ohren zuckten nervös nach hinten, um auf etwaige Geräusche zu achten.

 Doch es blieb still…

 

 

C'est dans 2 ans je m'en irai

(In 2 Jahren, da werde ich gehen)

 J'entends le loup et le renard chanter

(Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 J'entends le loup le renard et la belette

(Ich lausche dem Wolf, dem Fuchs, dem Wiesel)

 J'entends le loup et le renard chanter

 (Ich höre den Wolf und den Fuchs singen)

 

 


 

 

Bei ein paar Sträuchern und dichten Brombeerbüschen vor dem Lager kam ich schlitternd zum Stehen. Mein Atem ging keuchend und das Adrenalin pulsierte durch meine Adern. Ich brauchte ein paar Sekunden um mich zu sammeln und zu vergewissern, dass ich allein war, dann verwandelte ich mich abermals zurück und schnappte ein kurzes Kleid, das ich zur Reserve versteckt hatte. Zu meiner Überraschung traf ich meine Mutter mitten im Lager. Dort stand sie und starrte mich an. Ich war wütend und wollte sie zur Rede stellen. Doch bevor ich etwas sagen konnte, erhob sie ihren Kopf und starrte mir mit leeren, geistlosen Augen ins Gesicht. „Wieso?“; wisperte sie, die Worte kamen stockend über ihre eingefallenen Lippen. Ich zögerte. „Wieso? Wieso? Wieso bist du geboren worden?“, sie wurde lauter, bis sie mir die Worte ins Gesicht schrie. „Wenn du nicht wärest, dann würde er mich heiraten! Er würde mich lieben und wir könnten zusammen leben!“. Innerlich hatte ich gehofft, dass noch irgendwo, irgendwo in ihr drinnen jene Frau steckte, die ich meine Mutter nannte. Doch diese Hoffnung war nun zerstört. Wie eine kleine, schutzlose Blume zertreten. Ich weiß nicht mehr, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, doch eine seltsame Leichtigkeit überkam mich.

Nichts hielt mich mehr an diesem Ort.

 

 

Noch in derselben Nacht verließ ich meine Heimat. Ich wollte nicht zurück schauen. Auch spürte ich keine Wut auf diese Frau. Sie konnte machen was sie wollte. Ich bedachte es mit einer Gleichgültigkeit, die mich selbst zu tiefst erschreckte. Doch ich hatte mir schon immer vorgenommen, irgendwann mein einfaches, eindimensionales Leben aufzugeben. Und nun war diese Zeit gekommen.

„En…“

Ich zuckte zusammen, als ich Kees sanfte Stimme hinter mir hörte. Abschied lag in der kühlen Nachtluft.

„Was willst du? Zur Rückkehr kannst du mich nicht bewegen… nicht mehr.“, ich drehte mich nicht um, weil ich Angst hatte, seine Reaktion auf meine harschen Worte in seinem Gesicht zu sehen. Umso überraschter war ich, als er ruhig und mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit mir noch ein letztes Mal hinterherrief:

 “Denk immer daran! Niemand hat dich gefragt, ob du leben willst. Also hat dir auch niemand zu sagen, wie du leben sollst!“

 

 

 

C'est dans 1 an je m'en irai

 (In einem Jahr, da werde ich gehen)

 La jument de Michao a passée dans le pré

 (Michaos Stute läuft über´s Feld)

 La jument de Michao et son petit poulain

 (Michaos Stute und ihr kleines Fohlen)

 A passé dans le pré et mangé tout le foin

 (Sie laufen durch die Weide und fressen alles Heu)

 

 

 

 

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Enya Deirdre verließ im Jahre 2008, mit 16 Jahren, ihre Heimat in Irland und gab ihr Leben als Zigeuner auf. Eine ganze Weile kämpfte sie sich durch, doch sie hatte nie viel über die Welt gelernt. Dank ihres Durchhaltevermögens uns ihres Glückes, fand sie eine alte Werwölfin, die sie in die Geheimnisse ihrer Rasse, der Rouges und der Welt einführte. Bei ihr lebte sie 2 Jahre, bis die alte Frau starb. Schließlich zog Enya durch Europa  und hielt sich mit dem über Wasser, das ihr die Natur und ihre Erfahrungen schenkten. Schließlich traf sie auf das Pasama-pack und schloss sich ihnen an.

 

Maintenant je m´en irai

(Nun werde ich gehen)

L'hiver viendra les gars,

(Der Winter, er kommt, Leute)

 L'hiver viendra : 

(Der Winter, er kommt)

 La jument de michao,elle s'en repentira 

(und Michaos  Stute wird´s bereun)



 



Lyrics: "La jument de Michao"- Nolwenn Leroy


 
















































 

 
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