sun-of-life
  Geschriebenes
 

Leonora konnte sich nicht erinnern, jemals so viel Betrieb im Hauptquartier erlebt zu haben. Weder nach dem Vorfall im Club, noch zu irgendeiner beliebigen Geburtstagsparty des Alphas. Und die fielen eigentlich immer groß und spektakulär aus. Doch nicht heute. Heute schien das ganze Gebäude zu strahlen, ein jeder, der der großgewachsenen Frau auf dem Gang begegnet war, hatte eine fast schon aufdringliche gute Laune.
Es passierte selten und war immer ein großes Ereignis. Die Frauen gaben sich ihren eigenen Fantasien hin und alle freuten sich auf die ausgelassene Feier. Eine Hochzeit.
Es war selten, dass der Alpha eines mächtigen Rudels den  Bund der Ehe einging, denn damit verschob sich das Machtverhältnis. Dementsprechend richteten sich alle Augen auf das junge Paar. Alec hatte bereits am Abend davor angekündigt, dass er nur Henry,  seinen Treuzeugen, an seiner Seite haben wollte, bis er vor dem Altar stand. Alle weiblichen Wölfe der Dakabi hatten sich bei der glücklichen zukünftigen Braut versammelt und ließen sich ausnahmsweise von dieser durch die Gegend scheuchen.
Alles musste perfekt sein. Madeleine stand direkt neben Lexi vor einem bombastischen Spiegel, der genau so ausgerichtet war, dass das einfallende Licht der großen Fenster genau auf die schimmernde Oberfläche traf. Lexi hatte bereits mithilfe von drei anderen Wölfinnen ihr pompöses Kleid angezogen. Sie sah wunderschön aus. Sie und auch ihre Brautjungfern passten perfekt hinein in die geschmückten Gänge des Hauses, in die freudige Stimmung, die ein jeder versprühte.
Aufgeregte Stimmen klangen von überall her; aus jeder Ecke ertönte Lärm. Man konnte dem bevorstehenden Ereignis nicht entrinnen.
Madeleine, die gleichzeitig die Trauzeugin für Lexi sein sollte, hatte gerade begonnen Stoffrosen mit blauen Steinen, die spielerisch im Licht funkelten, in die kunstvoll geflochtenen Haare der Braut zu stecken. Beide redeten angeregt, Lexis Wangen waren rot vor Aufregung; ihre Vorfreude sprang auf jeden über, der den Fehler machte, in ihre Nähe zu kommen. Glücklich erzählte sie Madeleine von all den Dingen, die sie geplant hatte. Sie gehörte zu dem Typ Mädchen, das sich schon mit 12 Jahren die perfekte Hochzeit erträumt hatte und Alecs Mittel hatten ihre Vorstellungen wahr machen können.
Sie erzählte von den Kleidern, der bis ins kleinste durchgeplanten Dekoration, von der Kirche, die unter dem Klang der Gäste mit Leben gefüllt sein sollte. Von Alec in seinem dunklen geschmackvollen Anzug. Wie Josi die Ringe auf einem purpurroten Kissen nach vorne tragen würde. Wie Alec ihr und nur ihr seine volle Aufmerksamkeit schenken würde.
Lexi sprach voller Vorfreude von dem Anstecken der Ringe, von dem Hochzeitskuss, der ihren Bund für alle Zeit besiegeln sollte. Von der Feier danach und wie sie mit ihm in ihrem Hochzeitskleid tanzen wollte, wie auf einer Wolke, nur sie beide. Die Hauptattraktion des Abends.
Madeleine lächelte und nickte hin und wieder, während sie sich auf Lexis Haare konzentrierte.
„Ich bin sicher, das wird die beste Party, die die Dakabi jemals gehabt haben. Alle werden über dieses Ereignis reden, noch wochenlang!“ Lexi kicherte bei dieser Vorstellung.
„Leonora? Bringst du mir das Parfüm?“, rief die Braut. Die Dunkelhaarige, die bis zu diesem Moment versucht hatte  ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf den  Abstelltisch, auf dem von Makeup bis Schmuck alles ausgebreitet war, zu richten, horchte auf.
Ein lautes Klirren ertönte, als das filigrane Fläschchen zwischen ihren zitternden Fingern hindurch rutschte und auf dem Boden in tausend Scherben zerschellte.
Madeleine zuckte zusammen und kam näher. „Oh nein, nicht das noch!“, sie drehte sich zu Lexi. „Ich hole Parfüm aus meinem Zimmer, das hier können wir nicht mehr benutzen.“
Lexi wurde blass um die Nase. Ihre Vorstellung der perfekten Hochzeit ließ keine Planänderung zu, und sei es noch eine solch belanglose Kleinigkeit, wie das richtige Parfüm. „Nein, ich brauche genau diesen Duft! Er ist genau auf Alecs Parfüm abgestimmt und auf die Blumen in der Kirche und…“, Madeleine hob beschwichtigend die Arme.
„Warte, ich hole dir schnell ein Neues. Der Laden ist ja gleich um die Ecke und… „ Leonora unterbrach sie. „Bleib du hier, ich fahre. Ich hab‘s schließlich kaputt gemacht. Und außerdem braucht sie dich dringender als mich.“, ohne auf eine Antwort zu warten, verließ die Schwarzhaarige das Zimmer. Sie musste sich dazu zwingen, langsam zu laufen, denn ihre Beine wollten sie so schnell es ging von diesem Ort forttragen.
In all den Jahren, seit sie als Kind zu den Dakabi gekommen war, hatte sie nie einen solchen Drang verspürt, dieses Gebäude, ihr Zuhause, zu verlassen.

Es war brühend heiß in ihrem schwarzen PKW, doch Leonora machte sich nicht die Mühe das Fenster zu öffnen. Ihre Finger hatten sich um das Lenkrad gekrallt. Hier war sie allein, hier musste sie keine gute Miene zum Spiel machen. Der Knoten in ihrer Brust nahm ihr fast den Atem. 200 Meter noch, dann käme eine Ausfahrt zur Autobahn, die schnurstracks zum Flughafen führte. Sie müsste nur abbiegen. 30 Minuten, dann wäre sie dort. Leonora verspürte den schrecklichen Drang zu fliehen, irgendwo weit weit weg, bis alles vorbei war. Niemand würde sie wirklich vermissen. Nur eine kleine Bewegung aus dem Handgelenk und schon wäre der Blinker gesetzt. Die Ausfahrt kam näher.
Der schwarze Wagen bremste nicht ab und fuhr weiter geradeaus.
Dieser Tag musste perfekt werden. Alles, was für die Schwarzhaarige zählte, war Alecs Glück. Und Lexis folglich ebenfalls. Sie brauchte das Parfüm.

 

 

 
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